Heute weder Hamlet

von Rainer Lewandowski

Willi Schlüter als Ingo Sassmann
Foto: HP Wichers

Das haben Sie hoffentlich noch nie erlebt im Theater:

die Vorstellung fällt ersatzlos aus wegen Beinbruchs des Hauptdarstellers. Also heute weder Hamlet noch irgendetwas… Aber da hat man nicht mit dem krisenerprobten und katastrophengestählten Ingo Sassmann (Willi Schlüter), seines Zeichens Vorhangzieher, und Mann hinter den Kulissen gerechnet. Als dieser erfahrene Theatermann das einfach sitzen gebliebene Publikum erblickt, lässt er es sich nicht nehmen, ausführlich aus seinem Nähkästchen zu plaudern und seinen gespannten Zuschauern nicht nur seine eigene, wechselvolle Karriere zu erzählen, sondern auch vielfältige, durchaus indiskrete Einblicke hinter die Kulissen zu ermöglichen. Kurzum, was Sie schon immer gern gewusst hätten über das Leben und Treiben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, hier wird es Ereignis.

Ähnlichkeiten mit dem realen Theaterbetrieb sind keinesfalls zufällig und vom Autor durchaus beabsichtigt. Ingo Sassmann lässt jedenfalls nichts aus. Seine Liebe zumTheater, seine geradezu erotisch zu nennende Beziehung zum Vorhang, seine Karrierestationen als Schauspieler in der deutschen Provinz, seine Liebe zur Kollegin Rebecca. Eine höchst unglückselige Verkettung von Missgeschicken zerstört dann sein weiteres Fortkommen als Schauspieler. Aber als Verantwortlicher hinter den Kulissen kann er  seiner Passion des Lebens im Theater weiter folgen, erfährt das Glück des dabei Seins im Geruch von Holz, Staub und Puder. Die Qualen erdulden zwischen Sein und Schein, leben in der gefahrvollen Zwischenwelt des als ob, das ist fortan sein Schicksal. Aber er ist allemal Schauspieler genug, in einer Ein-Mann-Show nun den heute ausgefallenen „Hamlet, Prinz von Dänemark“ zum Besten zu geben und uns klar zu machen, dass jenseits von allem Regiezauber und Inszenierungswahnsinn der Vorhang der sensible Hauptdarsteller im Drama der Bühne ist!

Dieses Stück ist ein gefundenes Fressen für einen Schauspieler wie Willi Schlüter und auch für Sibylle Brunner, die für dieses Stück die Regie übernommen hat.

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